19.08.10

Erpresst, entführt oder ermordet

Die kirchliche Flüchtlingsbeauftragte Ragini Wahl fordert ein neues Flüchtlingskontingent für irakische Christen

Ragini Wahl setzt sich für Christen im Irak ein. bg

Viele Christen im Irak sehen für sich keine Zukunft mehr dort, weil sie täglich mit der Angst leben, entführt, erpresst oder ermordet zu werden. Im vergangenen Jahr nahm die EU ein Kontingent von Flüchtlingen von dort auf. Die Beauftragte für Flüchtlingsfragen im Kirchenbezirk Nürtingen, Ragini Wahl, setzt sich dafür ein, weitere irakische Christen aufzunehmen.


Frau Wahl, Sie setzen sich dafür ein, dass ein weiteres Kontingent irakischer Christen nach Deutschland kommen darf – warum?

Wir brauchen wieder eine Lobby, die sich für die erneute Aufnahme irakischer Christen einsetzt. In ihrer Heimat werden die Christen als Menschen zweiter Klasse gesehen. Die Mehrheit der Bevölkerung toleriert, dass sie schlecht behandelt und ermordet werden. Die Menschen fliehen nach Syrien oder Jordanien und im Gegensatz zu den geflohenen Muslimen haben sie keine Chance auf Rückkehr und Wiedererlangung ihres Eigentums. Dort verelenden sie langsam und können weder vor noch zurück. Und wer jetzt noch flüchten will, hat es schwer, denn dazu braucht man Geld. Bis Ende August sollen die westlichen Truppen aus dem Irak abziehen. Wer garantiert dann für den Schutz dieser Menschen? Natürlich geht es auch anderen im Irak schlecht. Es ist in meinen Augen aber Zynismus, die Debatte in dem Sinn zu führen, wer am schutzwürdigsten ist. Wem wenn nicht den Minderheiten im Irak geht die Luft aus?

Wie ist die Lage der Christen im Irak?

Der Bischof von Mosul, Emil Shimoun Nona, sagt: „Unsere Lage ist hoffnungslos.“ Die Menschen haben das Gefühl, vogelfrei zu sein. Viele berichten, dass sie mit Drohungen aus ihren Wohnungen vertrieben werden. Oft werden Christen, häufig die Frauen, aus den Familien verschleppt und es werden Lösegeldforderungen gestellt. Die Familien versuchen dann, das Geld bei den Verwandten auch im Ausland zusammenzubekommen. Manchmal werden die Entführten ermordet, wenn das Lösegeld nicht rechtzeitig eintrifft. Ich kenne einen Fall, da wurde der Familie der Kopf der Tochter in einem Geschenkpaket zugestellt. In einem anderen Fall wurde ein mit christlichen Studenten und Schülern voll besetzter Bus auf dem Weg zur Universität nach Mosul in die Luft gesprengt. Die ständige Angst, die die Menschen auf dem Weg zur Schule, zur Arbeit oder zum Einkaufen begleitet, ist einkalkuliert. Die Muster der Gewalt der islamistischen Milizen funktionieren hervorragend.

 

Wie war das beim letzten Kontingent?

Ein Kontingent, also eine vorher festgelegte Anzahl von Flüchtlingen aus einer bestimmten Gruppe, die aufgenommen werden, erfordert einen hohen logistischen Aufwand und muss politisch durchgesetzt werden. Beim letzten Mal, als die EU 10 000 Flüchtlinge und Deutschland davon 2500 aufnahm, gab es eine große Lobby innerhalb der Kirche und auch außerhalb, zum Beispiel von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Die konnte den damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble überzeugen. Doch der jetzige Innenminister Thomas de Maizière sieht keine Notwendigkeit.

 

Warum ein Kontingent? Könnten die Menschen nicht einfach Asyl suchen?

Es ist immer schwierig, als Asylbewerber anerkannt zu werden, wenn die Verfolgung nicht vom Staat ausgeht. Es käme nicht so weit, wenn die Übergriffe nicht von oben geduldet würden oder die Justiz funktionierte. Außerdem ist es wegen der Drittstaatenregelung sehr schwierig für die Menschen, nach Deutschland zu kommen. Sie müssten mit dem Flugzeug einreisen, und dafür fehlt den meisten Familien das Geld. Kontingentflüchtlinge sind besser gestellt als Asylbewerber. Sie bekommen Integrationskurse, dürfen gleich Arbeit suchen und Ärzte kümmern sich über die schwer traumatisierten Menschen.

 

Gibt es gar keine Zukunft für die Christen im Irak, immerhin bestehen die Gemeinden dort seit 2000 Jahren?

Ich befürchte, im Jahr 2020 gibt es dort keine Christen mehr. Schon jetzt sind von den 1,2 Millionen Christen nur noch 600 000 im Irak. Hier findet ein schleichender Völkermord statt. Das Verschwinden dieser Christen wäre auch verheerend für die Gesamtchristenheit, denn unsere Wurzeln liegen in dieser Region. Was im Irak mit den Christen passiert, lässt sich auch in anderen Ländern in Nahost, Asien und Afrika beobachten: radikale Muslime gehen auf Minderheiten wie Juden oder Christen los – und ihr Konzept geht auf. Die Staaten können oder wollen die Minderheiten nicht schützen. Wenn die westlichen Staaten nicht mehr Druck auf die Staaten ausüben, sind die Minderheiten bald weg. Kaum einer kann sich heute noch vorstellen, dass die heutige Türkei einst auch eine christlich geprägte Region war.

 

Wäre es unter diesem Gesichtspunkt nicht besser, sich dafür einzusetzen, dass die Christen im Irak bleiben können?

Die Bischöfe im Irak befürchten, wenn es für die Menschen eine Perspektive im Westen gibt, erodieren die Gemeinden noch schneller. Natürlich sollte man denen, die dort bleiben müssen, auch weil ihnen das Geld fehlt, so gut helfen wie möglich. Der irakische Präsident Nuri al-Maliki hat bei einem Staatsbesuch in Deutschland 2008 die Christen sogar aufgefordert, wieder zurückzukommen. Der irakische Staat kann den Schutz der Christen vor den Übergriffen islamistischer Milizen aber nicht gewährleisten. Wir müssen den Menschen bestmöglich helfen, entweder hier oder zu Hause.

 

Warum können die Christen sich nicht einfach in Syrien oder Jordanien ansiedeln?

Mit jedem Jahr, in dem sich die Flüchtlingssituation in diesen Ländern verschärft, werden diese destabilisiert. Während die Sunniten zurückkehren können, bleibt den Christen dieser Weg verwehrt.

 

Wie geht es den irakischen Christen hier?

Ich höre von den Flüchtlingen hier, dass sie immer noch Angst haben, sie könnten auch hier von Islamisten verfolgt werden. Christliche Flüchtlings- oder Migrantenkinder erleben in der Schule Diskriminierungen durch radikal beeinflusste muslimische Mitschüler – und unsere Regierenden, bis in die Kommunen, wehren radikalen Entwicklungen in den Moscheevereinen nicht genügend durch inhaltliche Auseinandersetzungen mit den politischen Weltanschauungen wie zum Beispiel der von Milli Görüs oder rechten Nationalisten. Ich höre von den geflohenen Christen, dass sie dachten, in einem christlichen Land angekommen zu sein, nun geht es hier im Kleinen von Neuem los. Mit großer Sorge beobachte ich auch den islamischen Antisemitismus.

 

Was kann ein Einzelner tun, um sich für die irakischen Christen einzusetzen?

Man sollte sich über Zeitungen, das Internet oder durch persönliche Nachfrage informieren. Kirchlich Engagierte sollten das Schicksal der irakischen Christen in ihrer Gemeinde zum Thema machen, beispielsweise in Gottesdiensten, mit Themenabenden oder durch eine Spendensammlung. Außerdem kann man Abgeordnete ansprechen, sich für diese Minderheitengruppe erneut einzusetzen, zum Beispiel den Reutlinger FDP-Abgeordneten Pascal Kober, der Menschenrechtsexperte ist. Außerdem kann man selbst Kontakt zu Flüchtlingen suchen, zum Beispiel über die Awo Kirchheim, Ansprechpartnerin ist Julie Hoffmann.