Ortsgeschichte aus kirchlicher Sicht

Hermann Ehmer blickte in einem Vortrag auf die Rolle und die Entwicklung der Kirchen in 700 Jahren Frickenhausen.
„Streiflichter aus der Kirchengeschichte von Frickenhausen“ zeigte Professor Dr. Hermann Ehmer am Freitag im „Omni“ in seinem Festvortrag auf und beleuchtete damit die Ortsentwicklung über 700 Jahre auch aus geistlicher Sicht.
„Die Kirchengemeinden haben Stationen gesetzt, um innezuhalten, zurückzublicken, Orientierung zu geben, in die Zukunft zu gehen“, sagte der evangelische Pfarrer Wilfried Scheuer. „Kirchengeschichte ist gelebter Glaube“, so der Theologe.
„Es ist eine großartige Sache, dass die Kirchengemeinden das Jubiläum miteinander begleiten. Das ist wichtig, weil Kirche ja in der jeweiligen Gestalt dieses Dorf in seiner Geschichte begleitet hat“, so Festredner Ehmer zu Beginn seines Vortrags, der alle in seinen Bann zog. Ehmer, ehemaliger Leiter des Landeskirchlichen Archivs in Stuttgart, zeigte auf, wie sich Dorfkirchen von der Mutterkirche abgespalten hatten und selbständig wurden, wie aus der kleinen Kapelle „Unserer lieben Frau“, die 1358 gebaut wurde, die große Kirche entstand.
„Die Frickenhäuser gehören lebendig und tot nach Nürtingen“, war zum Beispiel die Regelung im 15. Jahrhundert, was bedeutete, dass nur in Nürtingen getauft wurde, nicht in der Kapelle, und der Verstorbene ebenfalls nach Nürtingen gebracht werden musste. Wegen des langen Weges konnten Sterbende zum Beispiel teilweise nicht mit den Sterbesakramenten versehen werden, was mit ein Grund dafür gewesen sei, dass die Kirchen in Frickenhausen, Linsenhofen und Tischardt sich 1467 von der Mutterkirche in Nürtingen abtrennten, erklärte der Referent.
Pfarrer Magister Johannes Mayer war 40 Jahre am Ort, was Parallelen zu Pfarrer Anselm Jopp aufweist, der schon seit 47 Jahren in Frickenhausen ist und ebenfalls am Bau einer neuen Kirche beteiligt war wie damals Mayer, der nach Einführung der Reformation durch Herzog Ulrich von Württemberg 1534 in den Ruhestand ging. Der erste evangelische Pfarrer von Frickenhausen sei Remigius Hutzel gewesen, gefolgt von Johannes Schradin. Ehmer erklärte die Auswirkungen der Reformation, die Veränderung im Schulwesen und die Auswirkungen der weltlichen Geschichte auf die Kirchen wie den Zustrom der Vertriebenen, der letztendlich dazu führte, dass auch in Frickenhausen eine katholische Kirche gebaut wurde.
Immerhin war nach dem Zweiten Weltkrieg durch Zuwanderung ein Viertel der Frickenhäuser Bevölkerung katholisch. 1952 wurden 550 Katholiken in Frickenhausen eingepfarrt, so Ehmer. Die evangelische Kirche habe ihnen zur Verfügung gestanden, aber es war erforderlich, eine eigene Pfarrei zu schaffen. Die entstand ab 1962 zunächst mit einer Seelsorgestelle für Katholiken, die dann 1967 zu einer eigenen Pfarrei erhoben wurde. Die Kirche wurde in der Zeit von 1962 bis 1967 erbaut. „Der Bau markiert architektonisch den Wandel im Äußeren von der einkonfessionellen zur zweikonfessionellen Kirche“, so Ehmer. Benannt nach dem Friedensstifter Nikolaus von Flüe, sei sie „eine Mahnung, auch weiterhin einträchtig beieinander zu wohnen“, so Hermann Ehmer.
Noch einige kirchliche Beiträge im Jubiläumsjahr
„Wir haben noch viel gemeinsam vor in diesem Jahr“, sagte Pfarrer Jopp. Er nahm Bezug auf mehrere kirchliche Beiträge zum Ortsjubiläum, zur „Aufarbeitung der Ortsgeschichte vom Glauben her“. Es gehe nicht darum, nur äußere Feste zu feiern, sondern auch geistesgeschichtlich aufzuarbeiten, was geschehen ist und geschieht“, so Jopp. „Wir Christen verdrängen das Dunkle nicht, sondern setzen uns auseinander damit“, sagte er und forderte auf, sich am ökumenischen Kreuzweg in zwei Wochen jetzt schon zu beteiligen, in der Form, Gedanken auf dafür vorgesehene Tafeln in der Kirche aufzuschreiben, die dann in den Kreuzweg einfließen.
Viele Impulse aus dem Festvortrag und von beiden Pfarrern wurden bei anschließenden Gesprächen in lockerer Runde im „Omni“ vertieft. „Da war so viel Neues drin, das war wirklich ein tiefer Einblick“, sagten Zuhörer anschließend, wie auch: „Das war Geschichte, spannend und informativ, davon möchte man noch mehr hören.“

VON MARA SANDER/NTZ